{"id":354,"date":"2015-11-04T13:29:42","date_gmt":"2015-11-04T12:29:42","guid":{"rendered":"http:\/\/grundel\/wp_joergbohlen\/?p=354"},"modified":"2015-11-04T13:29:42","modified_gmt":"2015-11-04T12:29:42","slug":"turcinoemacheilus-kosswigi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.joerg-bohlen.de\/?p=354","title":{"rendered":"Turcinoemacheilus kosswigi"},"content":{"rendered":"<h2>Turcinoemacheilus kosswigi \u2013 eine ungew\u00f6hnliche Schmerle aus dem Euphrat-Tigris-System<\/h2>\n<p>von Martin Breil &#038; J\u00f6rg Bohlen<\/p>\n<p>Die Schmerlen der Familie Balitoridae sind in der T\u00fcrkei durch eine Reihe von Arten vertreten, die meistens der einheimischen Bachschmerle verwandtschaftlich nahestehen und auch \u00e4hnlich sehen. Durch Zufall stiess einer von uns beim Keschern in der Ostt\u00fcrkei auf eine kleine Schmerle, die sowohl im Aussehen als auch dem Verhalten schon ein wenig mehr von der Bachschmerle abweicht \u2013 Turcinoemacheilus kosswigi.<\/p>\n<p>Im Jahr 1964 beschrieben B\u0103n\u0103rescu &#038; Nalbant eine kleine Schmerle aus der Familie Balitoridae anhand von 7 Exemplaren aus der Region Hakkari im Tigrissystem in der Ostt\u00fcrkei. Aufgrund einiger morphologischer Besonderheiten, vor allem der ungew\u00f6hnlichen Stellung der R\u00fcckenflosse, die weiter schwanzw\u00e4rts als die Bauchflossen beginnt, errichteten B\u0103n\u0103rescu &#038; Nalbant eine neue Gattung f\u00fcr die Art: Turcinoemacheilus. Bis heute ist Turcinoemacheilus monotypisch, d.h. enth\u00e4lt nur die eine Art T. kosswigi.<\/p>\n<p>Die Art konnte bislang nur sehr selten gefunden werden. Bis 1998 kannte man T. kosswigi nur von insgesamt 3 Lokalit\u00e4ten, die allesamt nah beieinander im Tigrissystem in der Ostt\u00fcrkei liegen (Nalbant &#038; Bianco 1998). Damit galt die Art als Endemit des Tigrisgebietes mit nur kleinem Verbreitungsgebiet.<\/p>\n<p>Im Jahre 1999 fand einer von uns (M. B.) T. kosswigi in der Ostt\u00fcrkei, allerdings nicht im System des Tigris, sondern in der N\u00e4he der Ortschaft Mercan am Karasu, einem oberen Zufluss des Euphrats (Breil &#038; Bohlen 2001). Die Art hat also ein bedeutend gr\u00f6sseres Verbreitungsgebiet als angenommen, kann aber immer noch als Endemit des zusammenh\u00e4ngenden Euphrat-Tigris-Systems gelten.<\/p>\n<p>Am Fundort von T. kosswigi ist der Karasu ein schnellfliessender Bergfluss. Die Fische fanden sich in einer Innenkurve auf einer \u00fcberstr\u00f6mten Kiesbank bei Str\u00f6mungsgeschwindigkeiten von \u00fcber 1 m\/sec. Auf der Kiesbank gab es weder Vegetation noch gr\u00f6ssere Steine, und beim Fang bekam man den Anschein, als ob die schlanken Tiere sich im L\u00fcckensystem des Kieses aufhielten, der eine Korngr\u00f6sse von etwa 1-4 cm hatte.<\/p>\n<p>Ein Verstecken der Fische im L\u00fcckensystem k\u00f6nnte zu der Erkl\u00e4rung beitragen, warum die Art so selten gesammelt wurde. Zum einen sind Sammelreisen in der Ostt\u00fcrkei ohnehin selten, zum anderen gibt es die geeigneten Kiesb\u00e4nke nur an bestimmten Stellen des Flusses und ausserdem l\u00e4sst sich ein kleiner Fisch im L\u00fcckensystem mit den g\u00e4ngigen Fangmethoden schlecht erfassen bzw. leicht \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Einige lebend nach Deutschland gebrachten Exemplare erm\u00f6glichten erste Beobachtungen an T. kosswigi im Aquarium. Ein spezielles Becken, dass einer schnell \u00fcberflossenen Kiesbank nachempfunden war, stand leider nicht zur Verf\u00fcgung, jedoch ein 1,2 m langes Becken mit Sandgrund und Bepflanzung, an dessen einem Ende ein starker Motorinnenfilter Wasser gegen die Frontscheibe und \u00fcber einen Haufen flacher Steine und grober Kiesel sp\u00fclte. Dieser turbulente Aquarienbereich mit dem Steinsubstrat diente urspr\u00fcnglich als Laichplatz f\u00fcr str\u00f6mungsliebende Arten wie z.B. Schneider, Alburnoides bipunctatus, stellte sich jedoch schnell als fast alleiniger Aufenthaltsort der frisch eingesetzten T. kosswigi heraus. Die Tiere hielten sich ausserhalb der F\u00fctterungszeiten fast ausschliesslich im Zwischenraum zwischen der Filteraufh\u00e4ngung und der Glasscheibe auf. In letzterer Position liess sich beobachten, dass die Fische sich durch Aufstellen aller Flossen in dem etwa 10 mm breiten Zwischenraum verankerten. Dabei pressten die Flossen so stark an die angrenzenden Fl\u00e4chen oder in vorhandene L\u00fccken, dass der Fisch in seiner Position fixiert war. Die Fische standen in diesem senkrechten Zwischenraum meist senkrecht mit dem Schwanz nach unten. Wenn sie ausserhalb eines L\u00fcckensystems schwammen, bewegten sie sich immer dicht an einem Substrat (Stein, Pflanzenblatt, Glasscheibe, etc.), ohne allerdings im allgemeinen das Substrat zu ber\u00fchren. Nur im Bereich der st\u00e4rksten Turbulenz bewegten sich die Tiere manchmal mit der Bauchseite an der Glasscheibe. Auff\u00e4llig war, dass die Fische immer die Bauchseite zum Substrat wandten. Das f\u00fchrte dazu, dass sie bauchoben, bauchunten oder in fast jeder anderen Raumlage schwammen, je nach der Orientierung der Oberfl\u00e4che der Struktur. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schmerlen der Familie Balitoridae bevorzugte T. kosswigi \u00fcbrigens nicht die bodennahen Bereiche des Aquariums, sondern war in jeder Beckenh\u00f6he zu finden, solange sich dort Strukturen befanden, denen sie folgen konnten.<\/p>\n<p>Das wohl interessanteste Verhalten zeigte T. kosswigi an der Frontscheibe des Aquariums an jener Stelle, an der die Str\u00f6mung des Filters dicht unter der Wasseroberfl\u00e4che auf die Scheibe traf. Hier konnte regelm\u00e4ssig beobachtet werden, wie die Tiere sich gegen die Str\u00f6mung bis unter die Oberfl\u00e4che bewegten, sich in einem Sprung an der Glasscheibe bis oberhalb der Wasserlinie hochbewegten und \u2013 dort h\u00e4ngen blieben! Die Fische hingen dort mit der Bauchseite und den abgespreitzten Brust- und Bauchflossen direkt der Scheibe aufliegend, und nur die Spitze der Schwanzflosse ragte noch ins Wasser. Dieses H\u00e4ngen ausserhalb des Wassers konnte besonders in den ersten Wochen mehrfach t\u00e4glich beobachtet werden. Die Dauer der &#8218;Ausfl\u00fcge&#8216; reichte von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten. Um zu testen, ob die Fische sich an der Scheibe festsaugen oder nur durch Adh\u00e4sion dort blieben, setzten wir ein Individuum in eine l\u00e4ngliche Plastikschale mit nur wenig Wasser und kippten die Schale langsam von einer Seite auf die andere, so dass das Wasser das Tier aus wechselnder Richtung \u00fcbersp\u00fclte. Immer drehte sich das Tier mit dem Kopf gegen die Ablaufrichtung des Wassers und meistens blieb das Tier nach Ablaufen des Wassers an der Stelle. Wir steigerten die Intensit\u00e4t der Schwenkbewegung, bis die Wasserbewegung das Tier h\u00e4tte mitreissen m\u00fcssen, doch das Tier schien nur noch fester an der Unterseite der Schale zu haften. Immer blieben die Brustflossen fest in ihrer Position, w\u00e4hrend der Schwanzstiel immer der Str\u00f6mung des Wassers folgte. Daraus folgern wir, dass die Tiere sich mit den grossen, flach dem Substrat aufliegenden Flossen festsaugen k\u00f6nnen. Ob bei st\u00e4rkerer Wasserbewegung auch die in \u00e4hnlicher Weise ausgebildeten Bauchflossen das Ansaugen unterst\u00fctzten, konnte nicht zweifelsfrei gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Ein Ansaugen an harten Substraten ist von einigen str\u00f6mungsbewohnenden Bodenfischen und Neunaugen bekannt. Besonders ausgepr\u00e4gt und auff\u00e4llig findet es sich bei den s\u00fcdostasiatischen Flossensaugern, z.B. der Gattungen Sewellia oder Gastromyzon, sowie bei den Plattschmerlen, z.B. Homaloptera. Sowohl Flossensauger als auch Plattschmerlen geh\u00f6ren innerhalb der Familie Balitoridae in die Unterfamilie Balitorinae. Dagegen  z\u00e4hlt T. kosswigi ebenso wie z.B. die einheimische Bachschmerle Barbatula barbatula oder die artenreiche tropische Gattung Schistura zu den Bachschmerlen der Unterfamilie Nemacheilinae. Das weist darauf hin, dass sich das Ansaugen mit den Flossen zweimal innerhalb der Balitoridae entwickelt hat. An Gastromyzon wurde bei Aquarienh\u00e4lterung ebenfalls das Anheften oberhalb der Wasserlinie beobachtet (Ott 1988) bis hin zum Klettern aus dem Aquarium bei ung\u00fcnstigen Wasserbedingungen (Dickmann 1997). Ausserdem berichtete Dickmann (2001) \u00fcber die negative Phototaxis von Jungen von Gastromyzon monticola, die noch nicht in der Lage waren, sich am Untergrund anzuheften, und sich stattdessen im L\u00fcckensystem des Kiessubstrates versteckten. Auch hier erscheinen Parallelen in den Anpassungen an stark str\u00f6mende Lebensr\u00e4ume zu T. kosswigi.<\/p>\n<p>Interessanterweise entfernten sich die gehaltenen Exemplare von T. kosswigi mit l\u00e4ngerem Aufenthalt im Aquarium immer \u00f6fter und l\u00e4nger aus der stark str\u00f6menden Zone und bewegten sich entlang der Scheiben, des Bodens oder besonders der Pflanzen durch das ganze Becken. Auch das Anheften ausserhalb des Wassers wurde deutlich seltener.<\/p>\n<p>T. kosswigi erwies sich als recht zutraulich, die Tiere schwammen durchaus am Tage durch das Aquarium und scheuten bei Pflegearbeiten auch nicht den Kontakt zu der Hand des Pflegers. Gegen\u00fcber anderen Fischen sind sie vertr\u00e4glich, untereinander fanden sie sich oft zu mehreren im selben Unterstand ein. Als Futter eigneten sich handels\u00fcbliche Futtertabletten, gefrorene rote M\u00fcckenlarven und geriebene Bachflohkrebse. Nach dem Laichen anderer Fische (Cyprinella lutrensis, Aphanius ssp.) in dem Kieshaufen durchsuchten die T. kosswigi auch das L\u00fcckensystem und frassen Fischeier. Die sommerlichen Spitzentemperaturen von kurzfristig 28\u00ba C wurden ohne Anzeichen von Unwohlsein erduldet, und auch bei Temperaturen von 18\u00ba C gab es keine Verringerung der Aktivit\u00e4t. Insgesamt ist T. kosswigi ein unproblematischer Aquarienfisch, dessen Besonderheiten aber sicher am besten in einem Str\u00f6mungsbecken zur Geltung kommen.<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<ul>\n<li>B\u0103n\u0103rescu, P. &#038; T.T. Nalbant (1964): S\u00fc\u00dfwasserfische der T\u00fcrkei. 2. Teil Cobitidae.  Mitteilungen des Hamburger Zoologischen Museums und Institutes 61: 159-201.<\/li>\n<li>Breil, M. &#038; J. Bohlen (2001): Frist record of the loach fish Turcinoemacheilus kosswigi in the basin of Euphrates river, with first observations on habitat and behaviour. Zoology in the Middle East 23: 71-76.<\/li>\n<li>Dickmann, P. (1997): Verhaltensweisen von Borneo-Flossensaugern. DATZ 12\/97: 771-776.<\/li>\n<li>Dickmann, P. (2001): Zuchterfolg beim Gr\u00fcnen Leoparden-Flossensauger, Gastromyzon monticola. Das Aquarium 388: 2-7.<\/li>\n<li>Hora, S.L. (1932): Classification, bionomics and evolution of homalopterid fishes. Memorials of the Indian Museum 12: 262-330.<\/li>\n<li>Nalbant, T.T. &#038; P.G. Bianco (1998): The loaches of Iran and adjacent regions with description of six new species (Cobitoidea). Italalian Journal of Zoology 65, Suppl.: 109-123.<\/li>\n<li>Nikolski, G.W. (1957): Spezielle Fischkunde. Verlag der Wissenschaften, Berlin.<\/li>\n<li>Ott, G. (1988): Schmerlen. Lehrmeister B\u00fccherei, Albrecht Philler Verlag, Minden.<\/li>\n<li>Ott, G. (2000): Schmerlen im Aquarium. Tetra-Verlag, Bissendorf-Wulften.<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Erschienen in Aquaristik Fachmagazin 167, 2002, S. 56-58 und abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von H.-J. Herrmann, Tetra-Verlag, Berlin)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schmerlen der Familie Balitoridae sind in der T\u00fcrkei durch eine Reihe von Arten vertreten, die meistens der einheimischen Bachschmerle verwandtschaftlich nahestehen und auch \u00e4hnlich sehen. 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